In Carofiglios „Im freien Fall“ lässt sich Guido Guerrieri von seinem Hang für aussichtslose Fälle - und der Faszination für eine außergewöhnliche Nonne - in ein delikates Verfahren hineinziehen: Martina Fumai hat Anzeige gegen ihren Exfreund erstattet, der sie verfolgt und bedroht. Doch niemand wagt es, sie vor Gericht gegen den aggressiven Stalker zu verteidigen, da er kein geringerer ist als der Sohn des Vorsitzenden des Berufungsgerichts. Niemand, außer Avvocato Guerrieri, der mit diesem Mandat seine Karriere als Anwalt und frischgebackener Nichtraucher aufs Spiel setzt.
Fältchen und ungeschönte Wahrheiten
Carofiglios Roman lebt anders als so mancher Justizthriller nicht ausschließlich von der Verbrechensaufklärung sondern auch von den Einblicken, die uns der Autor in das Leben seines Romanhelden gewährt. Der sympathische Anwalt Guerrieri lebt seit seiner Scheidung mit seiner Freundin Margharita zwar unter einem Dach, aber doch in getrennten Wohnungen. Außerdem sind da noch die ersten Alterserscheinungen und Guerrieris mal mehr, mal weniger ausgeprägter Mut zur ungeschönten Wahrheit. Insofern ist es vielleicht auch falsch, nur von einem Justizthriller zu sprechen, denn der italienische Autor hat mit seinem zweiten Buch gleichzeitig einen Entwicklungsroman vorgelegt. So lernt Guerrieri nicht nur mit den ersten Fältchen umzugehen und sich seinen Bindungsängsten zu stellen, sondern auch andere Figuren, deren Geschichten in Nebensträngen erzählt werden, entwickeln sich weiter und gewinnen an Stärke.
Korrupte Richter und skrupellose Anwälte
Es ist wohl Carofiglios einschlägigen Erfahrungen als Staatsanwalt zu verdanken, dass der Leser nicht in den zweifelhaften Genuss pathetischer Schlussplädoyers und verwegener Verschwörungstheorien kommt. Anders als seine amerikanischen Kollegen schafft der Autor ohne sie eine weitaus realistischere Vorstellung von Prozessführung, Arbeitsalltag und den Mechanismen des italienischen Justizsystems. Dass die Fakten des Falles dem Leser schon von Beginn an bekannt sind, nimmt dem Roman nicht im mindesten die Spannung. Denn Carofiglios Anwalt vermag inmitten von korrupten Richtern und skrupellosen Anwälten durch seine ausgeklügelte Prozessführung nicht nur die gegnerische Seite in die Enge zu treiben, sondern auch den Leser zu fesseln.
Vom Staatsanwalt zum Bestsellerautor
Gianrico Carofiglio, 1961 in Bari geboren, arbeitet lange Zeit als Antimafia-Staatsanwalt, bevor er 2007 als Berater in die italienische Regierung wechselte und für den Bereich organisierte Kriminalität tätig wurde. „Im freien Fall“ ist sein zweiter Roman, der in deutscher Übersetzung erschienen ist und mit „Das Gesetz der Ehre“ bereichert nun ein dritter Fall für Anwalt Guerrieri den literarischen Herbst dieses Jahres.
Gianrico Carofiglio
In freiem Fall
224 Seiten 18,50 Euro