
Ferien vom Krieg heißt für die saharauischen Kinder auch das sonst so knappe Wasser genießen.
Alle Fotos: ferien-vom-krieg.at





Ein paar Kilometer südlich von Wien, in Enzesfeld findet die Abschiedsfeier statt. Zehn Kinder an einem Tisch spielen miteinander, kauen Kaugummi, und lachen gemeinsam. Es sind afrikanische Kinder, genauer gesagt: Saharauis. Ihre Heimat ist die Westsahara. Ein Gebiet, das seit 1975 von Marokko besetzt wird - ohne jegliche internationale Legitimität. Die Lebensbedingungen sind denkbar schlecht: Unterdrückung und Verhaftungen stehen auf der Tagesordnung. Deshalb leben 165.000 Saharauis, von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt, in Flüchtlingslagern in Algerien. Zehn Kinder durften die letzten acht Wochen in Österreich verbringen. Ferien machen von einem schwelenden Konflikt, der kein Ende zu nehmen scheint. Seit den 70er Jahren kämpfte die saharauische Bewegung „Frente Polisario“, die sich als rechtmäßige Regierung der Westsahara sieht, gegen die Besatzungsmacht Marokko.
Unabhängigkeits-Referendum
1991 wurde ein Waffenstillstand getroffen und UNO Truppen versandt, um die Abstimmung zur Unabhängigkeit der Westsahara zu überwachen. Doch diese Abstimmung fand nie statt. Marokko schiebt sie immer wieder hinaus. Das Mandat der UNO Soldaten beinhaltet jedoch nur die Überwachung der Wahlen, den Übergriffen der marokkanischen Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung müssen sie tatenlos zusehen.
Zukunft ohne Zukunft
In den Flüchtlingslagern wachsen einstweilen Kinder heran, die keine Zukunft haben. Tausende werden jährlich nach Spanien, Frankreich oder Italien auf Urlaub geschickt, damit sie zumindest ein paar Wochen den Lagern und der Mangelernährung entkommen. Nach Österreich kommen jährlich genau zehn Kinder. Zu verdanken ist das einzelnen Menschen wie der SPÖ-Europaratsabgeordneten Karin Scheele, die sich dafür einsetzen, diesen Kindern für eine kurze Zeit eine bessere Welt zu zeigen. Hier spielen sie in Gärten, bestaunen die Berge von Tirol und sehen zum ersten Mal in ihrem Leben in Hallenbädern so viel Wasser, dass sie darin baden können. In den Flüchtlingslagern sind die Bäder unter den Kindern eine Legende, und jedes freut sich bereits auf das viele Nass, und den Spaß, den man darin haben kann. Bei der Abschiedsfeier nach dem Aufregendsten der vergangenen acht Wochen gefragt, antworteten sie dann aber doch: „Die Schwimmbäder waren toll, aber am aufregendsten war der Prater!“
Krieg, dann Frieden, und morgen?
Am nächsten Tag fliegen die zehn Kinder wieder zurück in ihr Flüchtlingslager, wo sie vermutlich den Rest ihres Lebens verbringen werden. Einen Urlaub wie diesen erleben die Kinder nur einmal und auf den Urlaub, folgt unweigerlich die Trostlosigkeit des Lebens in den Flüchtlingslagern. Medien und Öffentlichkeit interessieren sich nicht für den Konflikt. Erst wenn es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, wenn Menschen sterben, werden Konflikte zu Nachrichtenereignissen. Doch in der Westsahara gibt es keinen Krieg, nur Unterdrückung. weitergedacht.at hat Karin Scheele gefragt, ob die jahrelange Unterdrückung nicht wieder zum Ausbruch eines Krieges führe: „Die ältere Führungsschicht der Saharauis ist von der Politik enttäuscht, aber sie wissen noch was Krieg bedeutet und würden deshalb nicht wieder zu den Waffen greifen. Aber die jüngere Generation kennt den Krieg nicht, und sie wird unruhig.“
Damit das Lachen nicht verstummt
Wenn wie bisher alle weiter wegsehen, nur weil nichts passiert, dann ist es vielleicht in ein paar Jahren der nächste Kriegsschauplatz in Afrika, der „völlig unerwartet“ ausbricht, und die Kinder die gerade noch lachend am Tisch sitzen, werden den Horror des Krieges kennen lernen. Der einzige Ausweg für die Saharauis ist eine Abstimmung zur Unabhängigkeit der Westsahara, und es liegt an der internationalen Gemeinschaft und der ehemaligen Kolonialmacht Spanien, genug Druck auf Marokko auszuüben, um es zu dieser Abstimmung kommen zu lassen.