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Foto: Peter Manninger

Die Kunst des steirischen herbst soll berühren, abstoßen, faszinieren und zur Selbstreflexion bewegen.
Foto: Peter Manninger


Foto: J.J. Kucek

Bei der „herbst“-Eröffnung benutzten die Experimentalkünstler von Staalplaat Soundsystem gleich die ganze Helmut-List-Halle als Instrument.
Foto: J.J. Kucek


Foto: Johannes Gellner

Das Theater im Bahnhof besinnt sich ganz auf die Avantgarde-Wurzeln des Festivals.
Foto: Johannes Gellner


Foto: plan b

Mit der Audio-Tour „Fortysomething“ des Künstlerduos „plan b>“ auf den Spuren der Festival-Vergangenheit wandeln.
Foto: plan b


Foto: Phile Deprez

„That Night Follows Day“ vom britischen Regisseur Tim Etchells, ist ein Stück für Erwachsene gespielt von Kindern.
Foto: Phile Deprez


Foto: Filmstill „Andere Freunde“, Jannik Splidsboel, Dänemark 2005

Unter dem Namen „my space“ werden europäische Dokumentarfilme für Kinder und Jugendliche präsentiert.
Foto: Filmstill „Andere Freunde“, Jannik Splidsboel, Dänemark 2005


Bericht | 03.10.07

Der „herbst“ wird 40

von Yvonne Bormes

1967 gegründet, überraschte der „steirische herbst“ lange Zeit mit provokanter Aktionskunst und ungewöhnlichen Veranstaltungsorten. 40 Jahre später präsentiert sich das Avantgarde-Festival um einiges ruhiger: Die Provokation ist dem Dialog gewichen.

„Nahe genug“ lautet das Motto des „steirische herbst“. „Nahe genug“ als Ausdruck eines dynamischen Zustandes, der auch auf geopolitischer Ebene eine Rolle spielt: die Kulturen Europas wachsen zusammen, ummantelt von Globalisierung. Die Kunst des „herbst“ soll berühren, abstoßen, faszinieren und zur Selbstreflexion bewegen. Ziel ist die Erzeugung eines flüchtigen Gefühls der Nähe.

 

Sound of the machines
Am 20.September 2007 wurde der „steirische herbst 2007“ in der Helmut-List-Halle lautstark eröffnet. Staalplaat Soundsystem (D/NL/GB), seit 25 Jahren bekannt für Experimentalmusik mit Haushaltsgeräten, Fußbodenpoliermaschinen und diversen Alltagsgegenständen, gab dem Publikum eine Antwort auf die Frage „Wie spielt man ein Gebäude?“ und benutzte das Konzerthaus selbst als lautstarkes Instrument. Für weitere akustische Höhepunkte und Partystimmung sorgt die Reihe „Große Freiheit Nr.5“. Am 6.10. statten Norman Palm (D) und Florian Horwath (A) Graz einen Besuch ab. Eine Woche später präsentieren sich nach „Beijing Bubbles“, einem deutschen Dokumentarfilm über die chinesische Punkrock-Subkultur, die chinesischen Bands „Car-sick Cars“ und „Hang on the box“.

 

Von der Provokation zum Dialog
Der „herbst“ habe sich weg von der Provokation hin zum Dialog zwischen Künstlern und Publikum bewegt, ließ der ORF bald nach der Eröffnung verlauten. „That Night Follows Day“ vom britischen Regisseur Tim Etchells in Zusammenarbeit mit dem belgischen Theater Victoria bestätigte diese These. Ein Stück für Erwachsene gespielt von Kindern, die in Monologen das Publikum darüber unterrichten, wie die Welt der Erwachsenen jene der Kinder formt. Das erfolgt zum Großteil in Form von Aufzählungen, die aus dem Chaos der Informationsflut herausgefischt wurden und zu humorvollen Nicht-Zusammenhängen führen.

 

You tell us that something happened in Rwanda,

that something happened in Mozambique. [...]

That something happened in the 60's

and something different happened in the 70's. [...]

You explain to us about Hitler, about Ghandi, about Jesus, Nero,

Bush, Blair and BinLaden.[...]

You tell us about Christopher Columbus, Mohammed, The Spice

Girls, The Rolling Stones and The Beatles.

 

Die Produktion des Grazer Theaters im Bahnhof „Zwischen Knochen und Raketen“ verspricht eher alte „steirischer herbst“-Manier. Hier spielen herumlaufende Hunde, eine Handballmannschaft, ein Pornodrehbuch, ein Knochenbestimmer, eine große weite Grasfläche und Kasachen eine Rolle.

 

Intoleranz, Tradition, Integration
Unter dem Namen „my space“ werden europäische Dokumentarfilme für Kinder und Jugendliche präsentiert. Sie zeigen das Leben Jugendlicher mit Migrationshintergrund in Deutschland: ihr Weltbild, ihre Rolle in der Familie und ihr Umgang mit alten Traditionen. Die Filme handeln von Pubertät, Sexualität und Geschlechterrollen, Toleranz und Intoleranz, Abgrenzung und Integration und sozialen Konflikten. Es  geht um Diskrepanzen von Vorstellungen Jugendlicher und ihrer Eltern, um Rock- und Haarlängen, Disziplin und Pflichtbewusstsein.

 

Kartografie der Erinnerungen
Die Intendanz behauptet zwar, ein vierzigjähriges Jubiläum sei kein Grund für Gedenkausstellungen, doch einen Rückblick auf die letzten Jahrzehnte wollte sie den Besuchern doch nicht vorenthalten. So kann man z.B. mittels der GPS-gesteuerten Audio-Tour „Fortysomething“ des Künstlerduos „plan b>“ auf den Spuren der Festival-Vergangenheit wandeln: Künstler und Besucher des „steirischen herbst“, Taxifahrer, Bäckersfrauen, Polizisten und andere Leute berichten von Ereignissen, Happenings, Performances, Konzerten und Kunstwerken, die im Rahmen des Festivals im öffentlichen Raum von Graz stattfanden. Aus diesen subjektiven Erzählungen entsteht eine Ansammlung und Vermischung von Fakten und Fiktion, aus der eine Kartografie entwickelt wurde. Eine akustische Landschaft, durch die der Besucher geleitet wird, um die Grazer Innenstadt neu zu erleben.